Peru
Die Situation in Peru
Morgens in El Progreso begleitet die 12-jährige Maria ihren kleinen Bruder zur Schule. Sie lebt mit fünf weiteren Familienmitgliedern in einem einzigen Raum aus Blech. Auf dem Schulweg passiert sie eine mit Müll bedeckte Brachfläche, die theoretisch als Spiel- und Aufenthaltsort für Kinder dienen könnte, jedoch aufgrund von Verschmutzung und Unsicherheit kaum genutzt wird.
In der Schule sind die Klassenräume überfüllt und teilweise unzureichend ausgestattet. Maria verfolgt den Unterricht aufmerksam, beteiligt sich jedoch nur selten. In ihrem Alltag hat sie erfahren, dass ihre Meinung wenig Gewicht hat – sowohl in der Familie, in der Entscheidungen meist einseitig getroffen werden, als auch im Gemeindeleben, in dem Kindern nur begrenzt Mitsprachemöglichkeiten eingeräumt werden.
Laut UNICEF lässt sich die Förderung von Teilhabe in drei zentrale Bereiche gliedern: die Familie als erster Ort der Sozialisation, in dem Vertrauen und Verantwortungsbewusstsein entstehen; die Schule, in der Kinder individuelle und gemeinschaftliche Rechte sowie Pflichten kennenlernen; und das alltägliche Umfeld, das durch öffentliche Räume Möglichkeiten für Begegnung, Spiel und gesellschaftliche Teilhabe bieten sollte. In Carabayllo sind solche Räume jedoch nur eingeschränkt vorhanden oder erfüllen ihre Funktion nicht ausreichend.
Die städtische Armut in Peru betraf im Jahr 2023 rund 29 % der Bevölkerung und ist in Randgebieten wie Carabayllo besonders ausgeprägt. Der Bezirk gehört zu den größten und bevölkerungsreichsten in Lima, zählt jedoch zugleich zu den am stärksten benachteiligten. Seine peripheren Siedlungen wie El Progreso sind schnell gewachsen, häufig ohne geordnete Stadtplanung und ohne ausreichende Grundversorgung. Der Zugang zu Wasser, Strom sowie zu Bildungs- und Freizeitangeboten ist vielerorts eingeschränkt, und ein erheblicher Teil der Haushalte lebt unter prekären wirtschaftlichen Bedingungen.
Kinder und Jugendliche wie Maria zählen zu den am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen. Oft nur unzureichend von den Institutionen erreicht, die ihren Schutz gewährleisten sollten, wachsen sie in einem Umfeld auf, das von Armut, Ernährungsunsicherheit und häuslicher Gewalt geprägt ist. Die COVID-19-Pandemie hat diese bestehenden Herausforderungen weiter verschärft: Schulschließungen, soziale Isolation, Arbeitslosigkeit der Eltern und ein deutlicher Anstieg prekärer Lebensbedingungen haben die Situation vieler Familien zusätzlich belastet. Insgesamt sind dadurch mehr als 1,2 Millionen Kinder in Armut geraten.
In diesem Zusammenhang bleibt die Teilhabe von Kindern ein fragiles Recht. Wie kann ein Kind lernen, sich auszudrücken, sich an Diskussionen zu beteiligen und seine Ideen zu vertreten, wenn es in der Familie kaum Dialog gibt, die Schule wenig Raum für aktives Zuhören bietet und die Gemeinschaft keine sicheren Räume für Austausch und Beteiligung zur Verfügung stellt?
